Worum es geht
Die antike Holunderkunde meint von Anfang an ein Artenpaar: die griechische akte (Sambucus nigra) und die chamaiakte (Sambucus ebulus), den giftbeerigen Zwergholunder. Liest man die Loci Wort für Wort nach, steht bei Dioskurides der überlieferte Anwendungskatalog physisch im chamaiakte-Eintrag, also beim Zwergholunder, doch der Text sagt zugleich, diese Pflanze teile ihre Eigenschaften mit dem Holunder darüber. Plinius wiederum bezieht dieselben Mittel ausdrücklich auf beide Arten und nennt nur die kleinere wirksamer. Dieser Beitrag sortiert die klassischen Loci sauber nach Pflanze und Pflanzenteil, ergänzt die reine Botanik Theophrasts und verfolgt, wie Mattiolis Renaissance-Kommentar diese Spaltung weitertrug. Wir berichten, was die Texte sagen, als Kulturgeschichte, nicht als moderne Wirkung.
Zwei Holunder, ein Name: die akte/chamaiakte-Unterscheidung
Wer in der antiken Materia medica nach dem Holunder sucht, sucht nicht nach einer Pflanze, sondern nach einem Begriffspaar. Die griechische Tradition kennt die akte, den Baumholunder, und daneben die chamaiakte, wörtlich den niedrigen oder Boden-Holunder. Die moderne Altertumswissenschaft ordnet dieses Paar eindeutig zu: die akte ist unser echter Holunder, Sambucus nigra, die krautige, schwarzfrüchtige chamaiakte dagegen der Zwergholunder, Sambucus ebulus.[1]
Diese Trennung ist kein späteres Missverständnis, sondern steht schon bei Dioskurides selbst. Sein Eintrag zur akte und der unmittelbar folgende zur chamaiakte behandeln zwei verschiedene Gewächse, die er ausdrücklich auseinanderhält: das eine baumartig, das andere kriechend und krautig.[3][2]
Im LexikonHolunderBotanischer Bezugspunkt dieses Beitrags ist Sambucus nigra, der echte Holunder. Die Enzyklopädie ordnet die Art, ihre Pflanzenteile und die Abgrenzung zum giftigen Zwergholunder Sambucus ebulus ein.Was Dioskurides bei der akte (Sambucus nigra) wirklich beschreibt
Der akte-Eintrag bei Dioskurides ist überwiegend Beschreibung, nicht Anwendung. Er zeichnet einen Baum mit rohrartig hohlen, weißlichen Ästen von ansehnlicher Länge, oben runde Doldenbüschel mit weißen Blüten, und eine Frucht von leicht purpurschwarzer Farbe, in Trauben, saftig und nach Wein schmeckend.[2]
Eine Frucht von leicht purpurschwarzer Farbe, in Trauben, voller Saft, nach Wein schmeckend.
Wichtig für die Artenfrage: Dioskurides nennt die Römer-Gleichung selbst. Die akte trage, so der Text, auch die Namen arbor ursi und sativa, und bei den Römern heiße sie sambucus. Damit ist die Brücke zwischen griechischem und lateinischem Namen schon in der Antike gelegt, lange bevor Linné die Gattung benennt.[2]
Bemerkenswert ist, was dieser Eintrag nicht enthält. In der Goodyer-Fassung ist die akte-Stelle beschreibungslastig und verweist für die eigentlichen Anwendungen nach unten weiter, nämlich auf das folgende Kapitel. Der Markenstrauch wird hier also botanisch porträtiert, der ausformulierte Gebrauch steht im Eintrag daneben. Genau dorthin führt der nächste Abschnitt.[2]
Der Anwendungskatalog steht gedruckt beim Zwergholunder (chamaiakte, Sambucus ebulus)
Das folgende Kapitel beschreibt die chamaiakte als kriechendes Gewächs mit Wurzelstock, kleiner und krautiger als der Baumholunder, mit einem vierkantigen, vielgliedrigen Stängel. Diese Stelle trägt in der Edition ausdrücklich die Markierung, dass ihre Beeren giftig sind. Und in genau diesem giftbeerigen Eintrag steht die Masse der überlieferten Anwendungen gedruckt.[3]
Entscheidend ist aber, wie der Text diese Liste einleitet. Er sagt, die chamaiakte habe dieselben Eigenschaften und denselben Gebrauch wie die akte darüber, nämlich trocknend und wasseraustreibend, doch dem Magen abträglich. Die Anwendungen sind also nicht der kleineren Art vorbehalten, sondern werden im Text als geteilt bezeichnet. Galen bestätigt diese Gleichsetzung später mit der Bemerkung, Attich und Holunder hätten nahezu dieselben Eigenschaften.[3]
Im Einzelnen: Die Blätter, als Gemüse gekocht, sollen Schleim und Galle abführen. Die Wurzel, in Wein gekocht und zum Essen gegeben, gilt als gut bei Wassersucht, und der Eintrag nennt eine erweichende Wirkung auf die Mutter. Ein Dekokt der Frucht, in Wein getrunken, tue dasselbe, und aufgerieben färbe es das Haar dunkel.[3]
Der Eintrag führt die Liste fort: Wurzel in Wein gegen den Vipernbiss, ein Polenta-Umschlag bei Entzündung, Verbrennungen und Hundebiss, mit Fett gegen hohle Geschwüre und Gicht. Auch das steht im chamaiakte-Kapitel, durchgehend nach Pflanzenteil sortiert, Blatt, Stängel, Wurzel und Frucht je mit eigenem Gebrauch.[3]
Plinius: fünfzehn Heilmittel, zwei Arten, und das Apotropäische
Plinius der Ältere widmet dem Holunder in der Naturalis Historia ein eigenes Kapitel, überschrieben mit fünfzehn Heilmitteln. Auch er trennt von Anfang an zwei Arten. Es gebe, schreibt er, zweierlei Holunder, einer davon wachse wild und sei viel kleiner, von den Griechen chamaeacte oder helion genannt.[4]
Welche Art der kleinere wilde Holunder ist, klärt die Bostock-Riley-Ausgabe in ihrer eigenen Fußnote: die chamaeacte sei Sambucus ebulus nach Linné, der Zwergholunder, die andere Art der echte Holunder, Sambucus nigra. Damit deckt sich Plinius mit der Dioskurides-Spaltung, bis in die Zuordnung der Arten.[4]
Anders als oft verkürzt wird, bezieht Plinius die Mittel ausdrücklich auf beide Arten. Ein Dekokt der Blätter, des Samens oder der Wurzel von jeder der beiden Arten, in altem Wein getrunken, treibe alle wässerigen Säfte ab. Erst danach folgt der Zusatz, die kleinere Art sei zu all diesen Zwecken die wirksamere von beiden. Der Zwergholunder ist bei Plinius also nicht der alleinige Ort des Katalogs, sondern die stärkere Variante eines beiden gemeinsamen Gebrauchs.[4]
Im Detail: Die Beeren, deren Wirkung Plinius als schwächer als die der übrigen Pflanzenteile beschreibt, färben das Haar und wirken, in einer bestimmten Dosis getrunken, harntreibend. Ein Dekokt der Wurzel in Wein treibe bei Wassersucht das Wasser aus und wirke erweichend auf den Uterus. Die Blätter, in Wein genommen, sollen das Gift von Schlangen neutralisieren.[4]
Neben der Medizin steht bei Plinius das Apotropäische, und zwar in genau diesem Kapitel. Gegen die boa, ein Leiden, das sich als rote Pusteln auf dem Körper zeige, werde der Kranke mit einem Holunderzweig gegeißelt. Heilmittel und Volksglauben verschwimmen hier in einem Atemzug, ein Zug, der das antike Holunderbild prägt und den der Ankerbeitrag im großen Bogen aufnimmt.[4]
Es gibt zweierlei Holunder, einer davon wächst wild und ist viel kleiner als der andere, von den Griechen chamaeacte oder helion genannt.
Theophrasts Botanik: der hohle Stamm und das Mark, das es nicht gibt
Vor der Medizin steht die reine Botanik. Theophrast, gut drei Jahrhunderte vor Dioskurides, führt den Holunder als Lehrbeispiel. In seiner Historia Plantarum ist die akte das Musterbeispiel eines Holzes ohne Knoten, ausdrücklich kontrastiert mit dem knotigen Holz von Tanne und Weißtanne.[5]
Manche sind ohne Knoten, wie die Stämme des Holunders, andere haben Knoten, wie die von Tanne und Weißtanne.
An anderer Stelle gruppiert Theophrast den Holunder mit den fleischig gekernten Gewächsen, also mit Weinrebe, Feige, Apfel, Granatapfel und Ferula, hält aber zugleich fest, dass manche dem Holunder überhaupt keinen Kern, kein Mark zusprechen. Hier liegt der antike Ahn des Motivs vom Holunder ohne Herzholz, vom hohlen Mark.[6]
Ein dritter, ausführlicherer Theophrast-Bericht im selben Werk schildert die akte als strauchig, an Wasser und im Schatten wachsend, mit hohl durchgehenden Ästen, aus denen man leichte Spazierstöcke macht, und mit einer weißen, wabenartig gebauten Blütenform. Diesen vollen Bericht geben wir hier nur dem Inhalt nach wieder. Der genaue Wortlaut der Stelle ist online nicht unabhängig bestätigt, weshalb wir ihn als Standardlesart kennzeichnen und nicht wörtlich zitieren, anders als die beiden vorangehenden, geprüften Loci.[7]
Diese botanische Schicht ist medizinfrei. Sie beschreibt Bau und Form, nicht Wirkung, und liefert damit die strukturelle Grundlage, auf der die späteren Hohlstamm- und Marklos-Motive aufsitzen.[6][5]
Wie der Text weiterreiste: von Hunayn nach Mattioli
Dass wir Dioskurides überhaupt durchgehend lesen können, verdankt sich einer langen Übersetzungskette. Ein wichtiger Knoten liegt im 9. Jahrhundert: Das Kitab al-Hashaish, die arabische Fassung der De Materia Medica, übersetzt von Istifan ibn Basil und überarbeitet von Hunayn ibn Ishaq, trägt das griechisch-römische medizinische Wissen in die islamische Welt weiter. In diesem Korpus reisen auch die Holunder-Einträge mit.[8]
Die für Europa entscheidende Renaissance-Brücke ist Pietro Andrea Mattiolis Discorsi, ein Kommentar zu Dioskurides, der ab 1544 in Venedig erscheint und Buch für Buch der antiken Materia medica folgt. Weil Mattioli Dioskurides Kapitel für Kapitel kommentiert, trägt er das Paar sambuco und ebulo, also den echten Holunder und den Zwergholunder, samt ihrer Spaltung in die frühneuzeitliche Pharmakologie weiter.[9]
Inhaltlich bleibt Mattioli nah an Dioskurides: zwei Arten, beide trocknend und die wässerigen Säfte abführend, beide dem Magen abträglich. Der Kommentar fügt eigene Beobachtungen hinzu, darunter ein dritter, in Bergen und Sümpfen wachsender Typ mit roten Beeren, sowie Anwendungen wie Blütenwasser bei Kopfweh und eine Salbe aus der grünen Rinde bei Verbrennungen.[10]
An dieser Stelle ist Vorsicht geboten. Wir geben Mattiolis Substanz wieder, halten den genauen italienischen Wortlaut und die Foliozahlen der Valgrisi-Ausgabe von 1568 aber zurück, weil sie erst am Scan zu prüfen sind. Der Befund, dass Mattioli die antike Zwei-Arten-Spaltung treu weiterreicht, steht; die einzelnen Zitate stehen unter Vorbehalt.[10]
Was wir nicht belegen können, und warum das hierhergehört
Ehrlichkeit über die Quellengrenzen gehört zur Sache. Drei Punkte halten wir offen. Erstens: Der ausführliche Theophrast-Bericht zum strauchigen Wuchs, den hohlen Ästen und den Spazierstöcken ist in seiner exakten Formulierung online nicht unabhängig bestätigt. Wir tragen ihn als Standardlesart vor, wörtlich zitiert haben wir nur die geprüften Begleitstellen zum knotenlosen Holz und zur Mark-Frage.[7]
Zweitens: Beim Kitab al-Hashaish ist der Übertragungsweg verifiziert, nicht aber das spezifische arabische Holunder-Lemma. Deshalb steht es hier als Transmissionsknoten, nicht als Beleg für eine bestimmte Wendung.[8]
Drittens: Mattiolis italienischer Wortlaut und die Foliozahlen sind erst am Originalscan zu sichern. Die inhaltliche Aussage, dass der Discorsi die Dioskurides-Spaltung weiterträgt, ist davon unberührt, die wortgenaue Zitierung bleibt vorbehalten.[10]
Quellen
- Brill (eds. Cancik & Schneider); New Pauly entry 'Elder'. Brill's New Pauly: Encyclopaedia of the Ancient World, s.v. 'Elder'. 2006. Quelle
- Pedanius Dioscorides; trans. John Goodyer (1655), ed. Robert T. Gunther (1934); also Tess Anne Osbaldeston (2000). De Materia Medica. 77. Quelle
- Pedanius Dioscorides; trans. John Goodyer (1655), ed. Robert T. Gunther (1934); also Tess Anne Osbaldeston (2000). De Materia Medica. 77. Quelle
- Pliny the Elder; trans. John Bostock & H. T. Riley (1856). Naturalis Historia. 77. Quelle
- Theophrastus; trans. Arthur F. Hort (Loeb, 1916). Historia Plantarum (Enquiry into Plants). -300. Quelle
- Theophrastus; trans. Arthur F. Hort (Loeb, 1916). Historia Plantarum (Enquiry into Plants). -300. Quelle
- Theophrastus; trans. Arthur F. Hort (Loeb, 1916). Historia Plantarum (Enquiry into Plants). -300. Quelle
- trans. Iṣṭifan ibn Basil, revised by Ḥunayn ibn Isḥaq al-ʿIbadi. Kitāb al-Ḥashāʾish (Arabic translation of Dioscorides' De Materia Medica). 850. Quelle
- Pietro Andrea Mattioli. I Discorsi ... ne i sei libri di Pedacio Dioscoride Anazarbeo della materia medicinale. 1544. Quelle
- Pietro Andrea Mattioli (Matthioli). I Discorsi nelli sei libri di Pedacio Dioscoride Anazarbeo della materia medicinale. 1568. Quelle
Rechtlicher Hinweis: Dieser Beitrag ordnet Studienlage und traditionelle Verwendung redaktionell ein. Er ist keine gesundheitsbezogene Angabe zu einem Produkt, kein Heilversprechen und kein Ersatz für medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich bitte an Ärztin, Arzt oder Apotheke.