Christiane's Naturkraft
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Holunder und ImmunkraftGeschichte

Die Holler-Frau: Holunder im europäischen Volksglauben

Hyldemoer, hyllefru, die Old Lady: quer durch Europa wohnt im Holunder eine hütende Gestalt, und wer schneiden wollte, bat um Erlaubnis. Ein ethnographischer Streifzug durch ein gut bezeugtes Motiv, mit einer ehrlichen Notiz zur Frau-Holle-Hypothese.

Verfasst vonLukas Berger
Veröffentlicht
Lesezeit9 Min.

Worum es geht

Quer durch Europa wohnt im Holunder, im Glauben der Menschen, eine hütende weibliche Gestalt. In Schweden heißt sie hyllefru, die Holunderdame, oder hyllemor, die Holundermutter, im Dänischen kennt man die verwandte Form Hyldemoer, in England die Old Lady. Wer den Strauch schneiden wollte, bat sie zuerst um Erlaubnis, mit festen Worten und einem Versprechen. Dieser Brauch ist gut bezeugt, in peer-reviewter Ethnobotanik und in gedruckten Volkskunde-Sammlungen, und er reicht weit über den germanischen Norden hinaus bis in den slawischen Raum. Wir erzählen ihn als europäisches Kulturgut, ehrlich getrennt nach Region und Quelle. Die populäre Gleichung Holunder gleich Baum der Frau Holle gehört nicht dazu, jedenfalls nicht als gesicherte Tatsache. Sie ist eine sprachwissenschaftlich umstrittene Deutung, die der Pflanzennamen-Forscher Heinrich Marzell als mythologisierenden Einfall verwirft. Aus dem Volksglauben wird hier keine Wirkung, aus der Sage keine Familienlegende.

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Eine Gestalt im Strauch: was die Holler-Frau ist (und was nicht)

Es gibt eine Erzählung, die quer durch Europa beinahe gleich klingt, in verschiedenen Sprachen, mit verschiedenen Namen. Im Holunder wohnt, so der Glaube, ein Wesen. Meist ist es weiblich, eine Frau, eine Mutter, eine Dame, und sie hütet den Strauch. Wer ihn schneiden, brechen oder ausgraben wollte, tat gut daran, sie zuerst um Erlaubnis zu bitten. Tat er es nicht, hatte er mit ihrem Unmut zu rechnen.

Diese Gestalt nennen wir hier, der österreichischen Mundart folgend, die Holler-Frau. Im skandinavischen Norden trägt sie eigene Namen, in England wieder andere, im slawischen Osten weitere. Bevor wir ihr durch die Regionen folgen, eine klare Ansage, was dieser Text ist und was nicht. Er erzählt einen dokumentierten Volksglauben als Kulturgeschichte. Er erzählt nicht, dass im Holunder tatsächlich ein Geist wohnt, und er macht aus dem Glauben keine Wirkung. Eine moderne ethnobotanische Studie aus Schweden hält fest, dass in vielen Gegenden der Strauch als von einem Schutzgeist bewohnt galt; das ist die Aussage, ein überlieferter Glaube, sauber als solcher berichtet.[1]

Das Motiv ist auch nicht auf eine einzige Kultur beschränkt. Eine polnische Studie zur Volksvorstellung des Schwarzen Holunders zeigt, dass auch im slawischen Raum Wesen im Strauch wohnen sollen, gefürchtete wie wohlwollende, und dass ein allgemeines Verbot bestand, ihn zu schneiden, auszugraben oder zu brechen.[2] Der Schutzgeist im Holunder ist also ein weit gespanntes europäisches Bild, kein lokaler Sonderfall.

Im LexikonHolunderDer Schwarze Holunder (Sambucus nigra) ist die Pflanze, um die sich dieser Volksglaube rankt. Der Enzyklopädieeintrag ordnet Art, Pflanzenteile und Verwendung botanisch ein, ohne Folklore und Wirkung zu vermischen.
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Hyldemoer und hyllefru: die Mutter im Holunder im Norden

Am dichtesten bezeugt ist die Gestalt im skandinavischen Norden. Die schon erwähnte schwedische Untersuchung benennt sie unmittelbar: In vielen Gegenden Schwedens glaubte man, dass der Holunderstrauch von einem mythischen weiblichen Wesen oder Schutzgeist bewohnt sei, der hyllefrun, der Holunderdame.[1]

Daneben steht die Form hyllemor, die Holundermutter, und im Dänischen die verwandte Hyldemoer[3][1]. Eine Volkskundesammlung des späten neunzehnten Jahrhunderts, die Folklore der Pflanzen von Thiselton-Dyer, hält den dänischen Glauben so fest: Der Holunder werde von einem Wesen namens elder-mother beschützt, sodass es nicht sicher sei, ihm auf irgendeine Weise zu schaden. Der Respekt vor dem Strauch habe, so vermutet diese ältere Quelle, seine Wurzeln im alten Heidentum des Nordens. Wir geben das als das wieder, was es ist, eine Beobachtung des neunzehnten Jahrhunderts, nicht als gesicherte Religionsgeschichte.[3]

Wichtig ist die Grenze des Belegs. Was die Quellen tragen, ist der Name, das Bild der hütenden Gestalt und die Beobachtung, dass man ihr nicht ungestraft schadet. Was sie nicht tragen, ist irgendeine Aussage über eine Heilkraft des Strauchs. Die Holundermutter hütet, sie heilt nicht; wer beides verwechselt, macht aus Volkskunde eine Behauptung, die sie nie war.

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"Darf ich, Hyllemor?" Der Brauch, den Holunder um Erlaubnis zu fragen

Aus dem Glauben an die Gestalt folgt ein Brauch, und der Brauch ist das am besten dokumentierte Stück der ganzen Erzählung. Man bat den Holunder um Erlaubnis, bevor man ihm etwas nahm. Die schwedische Studie überliefert dafür eine Anrufung im Wortlaut, und sie bezieht sich ausdrücklich auf die Blüten.

Hyllemor, Hyllemor, darf ich etwas von deinen Blüten nehmen, und ich gebe dir ebenso gute Blüten zurück.
überlieferte schwedische Anrufung, nach Svanberg u. a. 2024

Die Formel ist ein Tausch, kein bloßes Bitten. Man nimmt und verspricht Ersatz, man behandelt den Strauch wie ein Gegenüber, das man nicht einfach übergeht. In dieser schwedischen Fassung geht es um die Blüten; bleiben wir beim Pflanzenteil, den die Quelle nennt, und dichten ihm keine anderen an.[1]

Im englischen Lincolnshire ist eine eng verwandte Formel überliefert, dort gilt sie dem Holz. Eine gedruckte Volkskunde-Sammlung von 1908 hält die Worte fest, mit denen man die Old Gal, die Alte, um ihr Holz bat, samt dem Versprechen, ihr vom eigenen Holz zurückzugeben, wenn man selbst zum Baum werde. Dieselbe Sammlung erzählt die Kehrseite: Ein Mann fertigte neue Wiegenkufen aus Hollerholz, ohne die Old Lady zu fragen, und der Überlieferung nach kam sie und zwickte das Kind in der Wiege, weil ihr das nicht gefiel.[4]

Zwei Formeln, zwei Regionen, zwei Pflanzenteile: in Schweden die Blüten, in England das Holz. Die Übereinstimmung im Kern, man fragt zuerst und verspricht Ersatz, ist das eigentlich Bemerkenswerte. Sie zeigt einen geteilten Umgang mit dem Strauch über Sprachgrenzen hinweg, ohne dass man die Bräuche zu einem einzigen verschmelzen müsste.

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Der Holunder als Hausbaum: Schutz an der Schwelle

Die hütende Gestalt steht selten allein. Sie gehört zu einem Holunder, der oft nahe am Haus wächst, und damit zu einem zweiten Motiv, dem schützenden Strauch an der Schwelle. Die schwedische Studie berichtet ein anschauliches Beispiel: Die alten Männer weigerten sich, einem Mann zu helfen, einen selbstgesäten Holunder zu entfernen, der am Fundament seines Hauses wuchs. Der Strauch, der sich von selbst ans Haus gesetzt hatte, blieb stehen.[1]

Aus dem polnisch-slawischen Raum kommt dazu die Vorstellung wohlwollender Hausgeister. In Pommern, in Kaschubien und in Großpolen glaubte man, dass auch gute Geister unter dem Schwarzen Holunder wohnten, Zwerge, Hausgeister und gutartige Wesen, die über den Hof wachten, auf dem der Holunder steht. Damit verbunden war, als allgemeine Regel, das Verbot, den Strauch auszugraben, zu schneiden oder zu brechen.[2]

Eine dritte Spielart ist der bewusst gesetzte Holunder an einem bedeutsamen Ort. Die ältere Folklore-Sammlung von Thiselton-Dyer berichtet einen Tiroler Brauch: Auf ein frisch aufgeworfenes Grab wurde häufig ein Holunderstrauch gepflanzt. Hier wächst der Strauch nicht von selbst, sondern wird gesetzt, an die Schwelle zwischen den Lebenden und den Toten.[3]

Selbstgesät am Fundament, geduldet als Hüter des Hofes, gepflanzt auf das Grab: drei Wege, auf denen der Holunder zum Baum der Schwelle wird. Allen gemeinsam ist, dass man ihn nicht achtlos behandelt. Was die Menschen sich davon versprachen, gehört in das Reich des Glaubens, und dort lassen wir es.

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Nicht nur germanisch: die slawische Seite des Glaubens

Es wäre bequem, das Motiv allein dem germanischen Norden zuzuschreiben, der Hyldemoer und der Holler-Frau. Bequem, aber falsch. Die polnische Untersuchung zeigt das Bild in einer eigenen, slawischen Färbung, und diese Unterschiede sollten sichtbar bleiben.

In der polnischen Volksvorstellung ist der Holunderstrauch von einer Reihe dämonischer Wesen bewohnt, einem bösen Geist, dem Teufel, einer Hexe; aus diesem Grund wurden im östlichen Polen seine Früchte nicht geerntet. Das ist die dunkle Seite, die der schwedischen hütenden Dame gegenübersteht, ohne dass man die beiden zu einer einzigen Figur machen dürfte.[2]

Daneben, im selben Kulturraum, die schon genannten guten Geister unter dem Strauch und das Verbot, ihn auszugraben, zu schneiden oder zu brechen; dieses Verbot galt, wie die Quelle ausdrücklich festhält, als allgemeine Regel, von der unter bestimmten Umständen abgewichen werden durfte. Gefürchtet und verehrt zugleich also, je nach Gegend.[2]

So entsteht ein genaueres Bild: Der Geist im Holunder und das Gebot, ihn nicht achtlos zu zerschneiden, sind paneuropäisch. Die Namen aber, Hyldemoer, hyllefru, Old Lady, der slawische Hausgeist, gehören jeweils ihrer Kultur, und wir vermischen sie nicht zu einer einzigen Holler-Frau, die es so nie gab.

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Frau Holle und der Holunder: eine Hypothese, kein Beweis

Jetzt der heikle Kern, den man in populären Texten überall liest: Der Holunder sei der Baum der Frau Holle, sein Name leite sich von der Göttin Holda her. Das klingt schön und schließt den Kreis zur Holler-Frau zu elegant. Genau deshalb muss man hier langsam machen, denn dieser Schluss ist sprachwissenschaftlich gerade nicht gesichert.

Heinrich Marzell, die maßgebliche Autorität für deutsche Pflanzennamen, hält die Deutung des Wortes Holunder als Baum der Frau Holle für etymologisch unbegründet und nennt sie einen mythologisierenden Einfall. Er leitet Holunder von den althochdeutschen Formen holuntar[5] und holantar her, also aus dem Pflanzennamen selbst, nicht aus dem Namen einer Göttin.[5]

Und Jacob Grimm, auf den man sich für die Gleichung gern beruft, taugt dafür nicht als Kronzeuge. In seiner Deutschen Mythologie leitet Grimm den Namen der Göttin Holda selbst aus hold ab, also aus gnädig, gütig, mild, und nennt sie die gütige, gnädige Göttin. Den Baum führt er dafür nicht an. Die Brücke vom Holunder zu Frau Holle ist also eine spätere Volksdeutung, keine Herleitung Grimms.[6]

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Was wir nicht sagen, und warum

Zum Schluss die Linien, die wir bewusst nicht überschreiten. Alles in diesem Text ist Glaube und Brauch, nicht Wirkung. Dass man die Holler-Frau um Erlaubnis bat, ist ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie Menschen einem Strauch begegneten, und kein Hinweis darauf, dass der Holunder irgendetwas bewirkt. Heilkundliche Notizen, etwa was mittelalterliche Klostermedizin über die Holunderbeere schrieb, gehören in einen anderen Strang und bleiben hier außen vor.

Wir haben das Motiv ehrlich nach Region und Quelle getrennt, die nordische Mutter im Holunder, die englische Old Lady, die slawischen Geister, und die Frau-Holle-Deutung klar als Hypothese markiert. Wo uns ein primärer deutschsprachiger Quellentext fehlte, haben wir das gesagt, statt eine Lücke mit schöner Erzählung zu füllen. Und wir erfinden uns keine eigene Familien-Holler-Frau: 1968 begann Christiane, Kräuterrezepte für Freunde und Familie zu machen. Das ist Familiengeschichte, keine Pflanzensage.

Wer tiefer in die belegbare Kulturgeschichte des Holunders eintauchen will, vom klassischen Altertum bis in die frühe Neuzeit, findet sie im Heritage-Anker dieser Reihe. Wer den Strauch selbst kennenlernen will, Art und Pflanzenteile, dem dient der Enzyklopädieeintrag zur Holunderbeere. Und wer den Holunder im eigenen Garten schneiden und pflegen möchte, ganz ohne Sage, aber gern mit einem freundlichen Gedanken an die Holler-Frau, dem hilft unser Beitrag zum Schneiden und Auslichten weiter.

Quellen

  1. Ingvar Svanberg; Erik de Vahl; Nathalie Ingvarsdottir Olsen; Sabira Stahlberg. From Supernatural to Ornamental: Black Elder (Sambucus nigra L., Family Adoxaceae) in Sweden. 2024. Quelle
  2. Olga Kielak. From the name to the popular image of the plant: the Polish names for the black elder (Sambucus nigra). 2024. Quelle
  3. T. F. Thiselton-Dyer. The Folk-Lore of Plants. 1889. Quelle
  4. Eliza Gutch & Mabel Peacock (collectors); elder note attributed to Heanley and Lincolnshire Notes & Queries. County Folk-Lore Vol. V: Examples of Printed Folk-Lore Concerning Lincolnshire. 1908. Quelle
  5. Heinrich Marzell (Holunder entry quoted via Blumen & Natur, blumen-natur.de). Worterbuch der deutschen Pflanzennamen, Sambucus / Holunder entry. 1979. Quelle
  6. Jacob Grimm; trans. James Steven Stallybrass. Teutonic Mythology (translation of Deutsche Mythologie, 4th ed.). 1882. Quelle

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