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Zitronenmelisse

Melissa officinalis
Quellen
5 ausgewiesen
WofürFür alle, die einen milden Kräutertee für den Abend oder nach dem Essen suchen. Beachte bei arzneilicher Anwendung die Hinweise zu Alter, Schwangerschaft und Stillzeit.
Klinische Evidenz
Historische Bedeutung
92Außergewöhnlich hohe historische Bedeutung
SicherheitMeist gut verträglichMelissenblätter gelten bei bestimmungsgemäßer Anwendung im Allgemeinen als gut verträglich. Die EMA nennt keine bekannten Nebenwirkungen, warnt aber vor möglicher Beeinträchtigung beim Fahren. Für Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder unter zwölf Jahren fehlen ausreichende Daten. Laborhinweise zur Schilddrüse sind beim Menschen nicht geklärt.
Tradition
Übliche Zubereitungen
TeeTinkturKräuteressigSpiritus melissaeKapsel

In Kürze

Zusammenfassung der Erkenntnisse zum schnellen Nachschlagen

Die Zitronenmelisse (Melissa officinalis) ist ein zitronig duftendes Kraut aus der Familie der Lippenblütler. In europäischen Gärten und Kräuterbüchern hat sie eine lange Geschichte. Schon antike Texte beschreiben eine als Melissophyllon bezeichnete Bienenpflanze, die meist der Melisse zugeordnet wird. Die damaligen Anwendungen waren jedoch nicht durchgehend dieselben wie heute.

Die EMA führt bestimmte Zubereitungen aus Melissenblättern zur traditionellen Anwendung bei leichtem Stress, als Einschlafhilfe und bei leichten Verdauungsbeschwerden. Auch die Kommission E und ESCOP behandeln das Melissenblatt in ihren Monografien. Bekannte Zubereitungen wie Karmeliterwasser enthalten mehrere Kräuter. Ihre Wirkung lässt sich deshalb nicht der Melisse allein zuschreiben.

Kennedy und Kollegen untersuchten 2002 einen Extrakt und 2003 getrocknete Blätter in Kapseln, jeweils bei 20 gesunden Erwachsenen. Die Ergebnisse zu Stimmung und geistiger Leistung waren gemischt. Cases und Kollegen beobachteten 2011 bei 20 Erwachsenen mit Angst- und Schlafbeschwerden Verbesserungen nach einem Melissenextrakt. Ohne Vergleichsgruppe bleibt aber offen, welchen Anteil das Präparat daran hatte. Ergebnisse solcher Präparate lassen sich nicht einfach auf Tee übertragen.

Klinische Evidenz ↔ Historische Bedeutung
Wir zeigen zwei getrennte Kategorien von Evidenz: klinische Evidenz aus modernen Studien und historische Bedeutung aus dokumentierter Heiltradition. Beide sind wertvoll, aber sie beantworten unterschiedliche Fragen.
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In jedem unserer Lexikoneinträge bewerten wir zwei unterschiedliche Kategorien von Evidenz: Die in Studien verwendete klinische Evidenz erfüllt einen engeren, aber für die wissenschaftliche Beweisführung wichtigen Maßstab. Gleichzeitig sind die hunderttausenden weltweit vorkommenden Pflanzenarten bis heute nur teilweise in modernen Studien erfasst und getestet worden.

Darüber hinaus erheben unsere Experten für jeden Eintrag einen umfassenden Überblick darüber, wo und seit wann eine Pflanze in verschiedenen Naturheilkundetraditionen zum Einsatz gekommen ist. Wenn eine Pflanze in zahlreichen Kulturen über viele Generationen hinweg als Heilpflanze verwendet wurde, sollte auch diese historische Bedeutung sichtbar werden.

Wir meinen: Ein wirklich aussagekräftiger Überblick entsteht erst, wenn beide Kategorien nebeneinander dargestellt werden. Was in welche Kategorie fällt, kommunizieren wir hier transparent.

01
Überblick

Überblick

Die Zitronenmelisse (Melissa officinalis), bei uns oft einfach Melisse genannt, ist ein zitronig duftendes Kraut aus der Familie der Lippenblütler. Ihre frischen und getrockneten Blätter werden als Abendtee und in der Sommerküche verwendet. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) führt bestimmte Zubereitungen aus Melissenblättern zur traditionellen Anwendung bei leichtem Stress, als Einschlafhilfe und bei leichten Verdauungsbeschwerden. Diese Einstufung beruht auf langjähriger Anwendung, nicht auf einem gesicherten Wirksamkeitsnachweis aus klinischen Studien.

In Österreich hat die Melisse einen festen Platz im Bauerngarten. Kleine Studien haben unterschiedliche Melissenpräparate auf Stimmung, Aufmerksamkeit und Schlaf untersucht. Einige Ergebnisse fielen günstig aus, andere nicht. Wie zuverlässig Melissentee bei Stress oder Schlafproblemen hilft, lässt sich daraus nicht ableiten.

02
Geschichte

Geschichte

Der Name Melissa geht auf das griechische Wort für Honigbiene zurück. Plinius beschreibt in seiner Naturgeschichte, wie Bienenstöcke mit Melissophyllon eingerieben wurden, um die Bienen zu halten. Diese Pflanze wird meist als Melisse gedeutet. Er nennt auch Anwendungen bei Insektenstichen und Darmbeschwerden. Daraus lässt sich jedoch keine durchgehende antike Tradition als beruhigender Abendtee ableiten.

Später wurde die Melisse zu einer vertrauten Pflanze in Kloster- und Bauerngärten. Mit den Pariser Karmeliten ist das Karmeliterwasser (Eau de mélisse des Carmes) verbunden, eine alkoholische Zubereitung aus mehreren Pflanzen. Der heutige Hersteller führt ihre Geschichte auf das Jahr 1611 zurück. Solche Rezepturen sind von reinem Melissentee zu unterscheiden. Heute führen EMA, Kommission E und ESCOP das Melissenblatt in ihren Monografien.

03
Wirkmechanismus

Wirkmechanismus

Melissenblätter enthalten unter anderem Rosmarinsäure, einen Pflanzenstoff, der auch in Rosmarin vorkommt. Sie wurde im Labor auf ihre Wirkung auf den Abbau des Nervenbotenstoffs GABA untersucht. Duftstoffe wie Citronellal tragen zum typischen Zitronenduft bei.

GABA dämpft die Aktivität von Nervenzellen. In einem Laborversuch hemmten Melissenextrakt und einzelne Inhaltsstoffe ein Enzym, das GABA abbaut. Untersucht wurde dabei Material aus Rattenhirnen, nicht die Wirkung von Tee beim Menschen. Ob dieser Vorgang die traditionelle beruhigende Anwendung erklärt, ist noch offen.

Kennedy und Kollegen untersuchten 2002 einen standardisierten Melissenextrakt und 2003 getrocknete Melissenblätter in Kapseln. An beiden Studien nahmen jeweils 20 gesunde Erwachsene teil. Sie erhielten Melisse und zum Vergleich ein Scheinpräparat, ohne zu wissen, was sie gerade einnahmen. Nach einmaliger Einnahme verbesserten sich je nach Dosis einzelne Angaben zur Ruhe oder Leistungen in Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Andere Testergebnisse verschlechterten sich. Das belegt keine Behandlung von Angst- oder Schlafstörungen.

Cases und Kollegen untersuchten 2011 einen bestimmten Melissenblattextrakt bei 20 Erwachsenen mit leichten bis mäßigen Angstbeschwerden und Schlafstörungen. Über 15 Tage nahmen sie täglich 600 mg ein. Die Beschwerden besserten sich, doch die Studie war offen und hatte keine Vergleichsgruppe. Erwartungen und der natürliche Verlauf lassen sich daher nicht von einer Wirkung des Extrakts trennen. Die hier beschriebenen kleinen Studien reichen nicht aus, um eine verlässliche Wirkung von Melissentee abzuleiten. Bei Präparaten mit mehreren Kräutern bleibt außerdem der Beitrag der Melisse unklar.

04
Anwendung

Anwendung

Formen und Zubereitung

Für einen Arzneitee übergießt du die abgewogene Menge getrockneter Melissenblätter mit 150 ml kochendem Wasser. Lass den Tee zugedeckt etwa zehn Minuten ziehen und seihe ihn ab; beachte dabei auch die Packungsangabe. Der Deckel hilft, den Duft im Tee zu halten. Frische Sommerblätter passen in den Salat, zu Erdbeeren, in die Limonade oder fein gehackt ins Joghurt. Alkoholische Zubereitungen wie Karmeliterwasser enthalten mehrere Pflanzen und werden durch Destillation hergestellt. Ein selbst angesetzter und abgeseihter Kräuterauszug ist daher nicht dieselbe Zubereitung.

Dosierung

Als Arzneitee nennt die EMA für Erwachsene und Jugendliche über zwölf Jahren 1,5 bis 4,5 g getrocknete, zerkleinerte Melissenblätter in 150 ml kochendem Wasser, ein- bis dreimal täglich. Diese Menge bezieht sich auf getrocknete Blätter, nicht auf dieselbe Menge frischer Blätter. Bei fertigen Arzneitees gelten die Angaben auf der Packung. Bei Extrakten und Kombinationspräparaten richtest du dich nach der jeweiligen Packungsangabe. Die in Studien verwendeten Milligrammmengen lassen sich nicht auf jede andere Zubereitung übertragen. Wenn Beschwerden länger als zwei Wochen anhalten oder zunehmen, lass sie ärztlich abklären.

05
Sicherheit

Sicherheit

Sicherheitsprofil
Bei einer bekannten Allergie gegen Melisse darfst du sie nicht als Arzneimittel anwenden. Labor- und Tierversuche mit wässrigen Extrakten weisen auf eine mögliche Beeinflussung der Schilddrüse hin. Ob das beim Menschen relevant ist, ist nicht geklärt. Wenn du eine Schilddrüsenerkrankung hast oder Schilddrüsenmedikamente einnimmst, besprich eine regelmäßige arzneiliche Anwendung vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Melissenpräparate können die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Wenn du dich nach der Einnahme müde oder unaufmerksam fühlst, fahre nicht und bediene keine Maschinen. Zu Wechselwirkungen liegen laut EMA keine ausreichenden Daten vor. Lass die gemeinsame Anwendung mit Schlaf- oder Beruhigungsmitteln vorsorglich prüfen und vermeide zusätzlichen Alkohol. In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern unter zwölf Jahren empfiehlt die EMA die arzneiliche Anwendung mangels ausreichender Daten nicht.
06
Verwechslungen

Verwechslungen

Botanik
Familie
Lamiaceae
Heimische Regionen
Mediterranean (native), Central Europe (naturalized), Austria, cultivated worldwide
Erntezeit
Aerial parts May to September, before flowering for best aroma
Lebensraum
Sonniges Gartenbeet mit gut durchlässigem Boden. Die Melisse verträgt auch Halbschatten und versamt sich gerne selbst, sodass sie sich im Garten ausbreiten kann. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet reicht vom Mittelmeerraum bis nach Zentralasien. In Mitteleuropa, auch in Österreich, ist sie eingebürgert; angebaut wird sie weltweit.
Erkennen & Sammeln
Weiche, fein behaarte Staude aus der Familie der Lippenblütler, dreißig bis neunzig Zentimeter hoch. Die eiförmigen, gezähnten Blätter stehen einander am Stängel gegenüber. Beim Verreiben riechen sie deutlich nach Zitrone. Im Sommer erscheinen kleine weißliche Blüten in Gruppen dort, wo die Blätter am Stängel ansetzen. Der Stängel ist vierkantig, wie für Lippenblütler typisch.

Ähnliche Pflanzen und Verwechslungen

Unangenehm

Calamintha nepeta (Kleine Bergminze)

Ähnliche Blätter, aber stärkerer minziger Geruch und weniger zitronig. Die Bergminze ist nicht giftig, schmeckt im Tee aber deutlich anders und gehört zu einer anderen Gattung. Beim Verreiben zwischen den Fingern fehlt der klare Zitronencharakter der Melisse.

07
Häufige Fragen

Häufige Fragen

Frisch oder getrocknet, was ist besser?

Frische Blätter geben dem Tee meist einen deutlicheren Zitronenduft. Getrocknete Blätter sind ebenfalls geeignet und werden für Arzneitees verwendet. Bewahre sie gut verschlossen, trocken und lichtgeschützt auf. Frisch und getrocknet lassen sich nicht nach derselben Löffelmenge dosieren.

Kann man Melisse mit Baldrian kombinieren?

Melisse und Baldrian werden in pflanzlichen Kombinationspräparaten angeboten. Daraus lässt sich nicht ableiten, welchen Anteil die Melisse an einer möglichen Wirkung hat. Halte dich an die Angaben des jeweiligen Präparats. Wenn du Beruhigungs- oder Schlafmittel einnimmst, lass die Kombination vorher ärztlich oder in der Apotheke prüfen.

Was sollten Schwangere vor der Anwendung von Melisse wissen?

Für die arzneiliche Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit fehlen ausreichende Sicherheitsdaten. Die EMA empfiehlt sie deshalb nicht. Das betrifft auch Melissenblätter als Arzneitee; eine pauschale Freigabe für ein bis zwei Tassen lässt sich daraus nicht ableiten. Besprich geplante Anwendungen mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Hebamme.

Wie viele Tassen pro Tag?

Für Erwachsene und Jugendliche über zwölf Jahren nennt die EMA als Arzneitee 1,5 bis 4,5 g getrocknete, zerkleinerte Blätter in 150 ml kochendem Wasser, ein- bis dreimal täglich. Beachte die Packungsangaben deines Arzneitees. Halten die Beschwerden länger als zwei Wochen an oder werden sie stärker, lass sie abklären.

08
Quellen

5 Belege.

  1. European Medicines Agency, Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). Melissae folium: herbal medicinal product (European Union herbal monograph). 2013. Quelle
  2. D O Kennedy, A B Scholey, N T J Tildesley, E K Perry, K A Wesnes. Modulation of mood and cognitive performance following acute administration of Melissa officinalis (lemon balm).. 2002. doi:10.1016/s0091-3057(02)00777-3
  3. D O Kennedy, G Wake, S Savelev, N T J Tildesley, E K Perry, K A Wesnes, A B Scholey. Modulation of mood and cognitive performance following acute administration of single doses of Melissa officinalis (Lemon balm) with human CNS nicotinic and muscarinic receptor-binding properties. 2003. doi:10.1038/sj.npp.1300230
  4. Julien Cases, Alvin Ibarra, Nicolas Feuillère, Marc Roller, Samir G Sukkar. Pilot trial of Melissa officinalis L. leaf extract in the treatment of volunteers suffering from mild-to-moderate anxiety disorders and sleep disturbances. 2011. doi:10.1007/s12349-010-0045-4
  5. Rosalie Awad, Asim Muhammad, Tony Durst, Vance L Trudeau, John T Arnason. Bioassay-guided fractionation of lemon balm (Melissa officinalis L.) using an in vitro measure of GABA transaminase activity. 2009. doi:10.1002/ptr.2712

Rechtlicher Hinweis: Die Darstellung historischer Bedeutung und traditioneller Verwendung dient der Einordnung im Rahmen unseres Pflanzenlexikons. Sie ist keine gesundheitsbezogene Angabe für ein Produkt, kein Heilversprechen und kein Ersatz für medizinische Beratung. Welche Aussagen auf Produktetiketten, Produktseiten oder in Werbung zulässig sind, richtet sich nach den jeweils geltenden rechtlichen Vorgaben.