Hibiskus
In Kürze
Zusammenfassung der Erkenntnisse zum schnellen Nachschlagen
Hibiskuskelche verbinden verschiedene Teetraditionen: Im Sudan und in Ägypten werden sie zu Karkadeh, in Westafrika zu Bissap, in Mexiko zu Agua de Jamaica und in der Karibik zu Sorrel. Über den Handel gelangten sie auch nach Europa. Diese bis heute gepflegte Getränkekultur ist breit dokumentiert. Wie weit einzelne Anwendungen historisch zurückreichen, lässt sich dagegen nicht immer sicher datieren.
Die Forschung interessiert sich besonders für den Blutdruck. Eine Auswertung von fünf Studien durch Serban und Kollegen aus dem Jahr 2015 fand kurzfristige Senkungen des oberen und unteren Blutdruckwerts. Die Studien waren allerdings klein und kurz, die Zubereitungen und Dosierungen unterschiedlich. Eine systematische Übersicht von Cochrane aus dem Jahr 2021 berücksichtigte nur Studien, die engere Vorgaben erfüllten. Sie fand keine ausreichend verlässlichen Belege für eine Wirkung bei Bluthochdruck. Hibiskustee ersetzt daher keine Blutdruckbehandlung.
Hibiskus ist vor allem als koffeinfreier Tee bekannt. Eine EMA-Monografie gibt es nicht; der Eintrag im Europäischen Arzneibuch legt die Qualität der Kelche fest. Die EFSA hat 2009 die gesundheitsbezogenen Aussagen zur harntreibenden Wirkung und zur Darmfunktion nicht bestätigt. Wenn du Blutdruckmedikamente einnimmst, kläre regelmäßigen Konsum ärztlich ab. Verwende für den Tee Hibiscus sabdariffa, nicht den Zierhibiskus (Hibiscus rosa-sinensis).
Klinische Evidenz ↔ Historische BedeutungWir zeigen zwei getrennte Kategorien von Evidenz: klinische Evidenz aus modernen Studien und historische Bedeutung aus dokumentierter Heiltradition. Beide sind wertvoll, aber sie beantworten unterschiedliche Fragen.Mehr lesen
In jedem unserer Lexikoneinträge bewerten wir zwei unterschiedliche Kategorien von Evidenz: Die in Studien verwendete klinische Evidenz erfüllt einen engeren, aber für die wissenschaftliche Beweisführung wichtigen Maßstab. Gleichzeitig sind die hunderttausenden weltweit vorkommenden Pflanzenarten bis heute nur teilweise in modernen Studien erfasst und getestet worden.
Darüber hinaus erheben unsere Experten für jeden Eintrag einen umfassenden Überblick darüber, wo und seit wann eine Pflanze in verschiedenen Naturheilkundetraditionen zum Einsatz gekommen ist. Wenn eine Pflanze in zahlreichen Kulturen über viele Generationen hinweg als Heilpflanze verwendet wurde, sollte auch diese historische Bedeutung sichtbar werden.
Wir meinen: Ein wirklich aussagekräftiger Überblick entsteht erst, wenn beide Kategorien nebeneinander dargestellt werden. Was in welche Kategorie fällt, kommunizieren wir hier transparent.
Überblick
Hibiskustee verdankt seine tiefrote Farbe und seinen säuerlichen Geschmack der Roselle (Hibiscus sabdariffa), einem tropischen Malvengewächs. Verwendet werden ihre fleischigen Kelche und Außenkelche: Sie bilden nach der Blüte eine Hülle um die Samenkapsel. Für die Farbe sorgen Pflanzenfarbstoffe namens Anthocyane, für die Säure unter anderem Zitronen- und Äpfelsäure.
Im Sudan und in Ägypten heißt das Getränk Karkadeh, in Westafrika Bissap und in Mexiko Agua de Jamaica. Es wird heiß oder gekühlt serviert, oft gesüßt. Auch bei uns ist Hibiskus eine koffeinfreie Zutat für Tee und sommerliche Erfrischungsgetränke. Einige Studien fanden kurzfristige Blutdrucksenkungen. Die Ergebnisse reichen aber noch nicht aus, um Hibiskustee als verlässliche Behandlung zu empfehlen.
Geschichte
Hibiscus sabdariffa stammt aus dem tropischen Afrika und wird seit mehreren Jahrhunderten wegen der fleischigen roten Kelche kultiviert. Die Pflanze ist mit den Handelswegen durch Nordafrika, die Arabische Halbinsel, die Karibik, nach Mexiko und Südostasien gewandert. In jeder Region entstand ein eigenes Getränk: Karkadeh im Sudan und in Ägypten, Bissap im Senegal und in Westafrika, Agua de Jamaica in Mexiko, Sorrel in der Karibik. Die Grundlage ist ein Aufguss aus frischen oder getrockneten roten Kelchen, heiß oder eisgekühlt serviert, oft gesüßt.
In Europa verbreitete sich der Hibiskus vor allem über den Teehandel. Der rubinrote Aufguss wird heiß oder als kaltes Sommergetränk serviert. Eine EMA-Monografie für Hibiskus gibt es nicht. Das Europäische Arzneibuch enthält eine Roselle-Qualitätsmonografie für getrocknete Kelche und Außenkelche. Die ägyptische Arzneimittelbehörde (EDA, 2023) führt den Kelch als traditionelles Begleitmittel bei der Behandlung von Bluthochdruck.
Wirkmechanismus
In der Forschung zum Hibiskuskelch stehen besonders die Anthocyane, darunter Delphinidin- und Cyanidin-Glykoside, im Vordergrund. Sie geben dem Aufguss seine rote Farbe und können im Labor bestimmte reaktionsfreudige Sauerstoffverbindungen abfangen; das wird als antioxidativ bezeichnet. Organische Säuren wie Zitronensäure, Äpfelsäure und Hibiscussäure prägen den säuerlichen Geschmack. Aus solchen Laborbefunden allein lässt sich keine gesundheitliche Wirkung einer Tasse Tee ableiten.
Ob einzelne Inhaltsstoffe die beim Menschen beobachteten Effekte erklären, ist nicht abschließend geklärt. Die klinische Forschung umfasst sowohl Tee als auch Extrakte. Eine Studie von McKay und Kollegen untersuchte beispielsweise drei Tassen aufgebrühten Hibiskustee pro Tag. Die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf jede Teemischung oder jeden Extrakt übertragen.
McKay und Kollegen untersuchten 2010 insgesamt 65 Erwachsene mit leicht erhöhtem Blutdruck, die keine Blutdruckmedikamente nahmen. Per Zufall erhielten sie entweder täglich drei Portionen Hibiskustee zu je 240 Millilitern oder ein Vergleichsgetränk ohne Hibiskus. Nach sechs Wochen sank der obere, systolische Blutdruckwert mit Hibiskus stärker. Beim unteren, diastolischen Wert war kein verlässlicher Unterschied zwischen den Gruppen nachweisbar. Eine Meta-Analyse von Serban und Kollegen (2015), also eine gemeinsame Auswertung mehrerer Studien, fasste fünf Studien mit 390 Personen zusammen und fand Senkungen beider Werte. Hopkins und Kollegen (2013) geben einen Überblick über Tier- und Humanstudien zu Blutdruck und Blutfetten.
Die Ergebnisse sind noch nicht eindeutig. Der Cochrane-Review von 2021 schloss für seine Frage nach der Wirkung bei Bluthochdruck nur eine Studie mit 60 Personen ein und fand keine ausreichend verlässliche Evidenz. Die ägyptische Arzneimittelbehörde führt Hibiskus 2023 als traditionelles Begleitmittel bei Bluthochdruck auf Grundlage langjähriger Anwendung. Das ist von einem klinischen Wirksamkeitsnachweis zu unterscheiden. Die Roselle-Monografie des Europäischen Arzneibuchs regelt die Qualität; eine EMA-Monografie gibt es nicht.
Anwendung
Formen und Zubereitung
Für einen heißen Tee übergießt du etwa 1,5 Gramm getrocknete Hibiskuskelche mit 240 Millilitern sprudelnd kochendem Wasser. Lass den Aufguss fünf bis zehn Minuten ziehen und seihe ihn ab; beachte auch die Packungsangaben. Der Tee wird tiefrot und schmeckt säuerlich. Wenn du ihn süßen möchtest, passt ein wenig Honig. Eine Zitronenscheibe gibt zusätzlichen Geschmack. Für ein kaltes Hibiskusgetränk bereitest du den Tee zunächst mit kochendem Wasser zu. Lass den abgeseihten Aufguss rasch abkühlen, stell ihn in den Kühlschrank und serviere ihn auf Eis. Gewöhnliche getrocknete Kelche sollten nicht nur mit kaltem oder lauwarmem Wasser angesetzt werden. Minze, Ingwer oder ein Spritzer Limette passen gut dazu.
Dosierung
Als Getränk richtest du dich nach der Zubereitungsangabe auf der Packung. Für die traditionelle medizinische Anwendung als Begleitmittel bei Bluthochdruck nennt die EDA-Monografie von 2023 einen Tee aus 1,25 bis 1,5 Gramm getrockneten Kelchen auf 240 Milliliter Wasser, bis zu dreimal täglich für höchstens sechs Wochen. Diese Angabe ist keine allgemeine Trinkempfehlung und keine EMA-Zulassung. Wenn du Hibiskus gezielt wegen deines Blutdrucks verwenden möchtest, besprich das ärztlich. Studien haben sowohl Tee als auch Extrakte untersucht. In der Studie von McKay und Kollegen (2010) tranken die Teilnehmenden sechs Wochen lang täglich drei Portionen aufgebrühten Tee zu je 240 Millilitern. Sie nahmen keine Blutdruckmedikamente. Diese Studienmenge lässt sich weder als allgemeine Empfehlung noch auf beliebige Extrakte übertragen. Bei Extrakten sind Zusammensetzung und Packungsangaben entscheidend.
Sicherheit
Verwechslungen
Ähnliche Pflanzen und Verwechslungen
Hibiscus rosa-sinensis (Zierhibiskus)
Der Zierhibiskus (Hibiscus rosa-sinensis) ist die in Mitteleuropa als Zimmer- oder Kübelpflanze verbreitete Art mit großen einzelnen Blüten in vielen Farben. Er gehört zwar zur selben Gattung, hat aber nicht die fleischigen roten Kelche, die für den Karkadeh-Aufguss verwendet werden. Für Karkadeh brauchst du ausdrücklich Hibiscus sabdariffa in Lebensmittelqualität. Zierpflanzen sind dafür kein Ersatz.
Häufige Fragen
Karkadeh, Bissap, Roselle, Agua de Jamaica: Ist das alles dasselbe?
Ja, es geht um dieselbe Pflanze, Hibiscus sabdariffa, und um Getränke aus ihren Kelchen. Karkadeh ist im Sudan und in Ägypten gebräuchlich, Bissap in Westafrika, Agua de Jamaica in Mexiko und Sorrel in der Karibik. Roselle ist der englische Name der Pflanze. Ob frische oder getrocknete Kelche verwendet werden und wie stark das Getränk gesüßt wird, unterscheidet sich je nach Region.
Heiß oder kalt zubereiten?
Hibiskustee schmeckt heiß und gut gekühlt. Übergieße getrocknete Kelche auch für ein kaltes Getränk zuerst mit sprudelnd kochendem Wasser und lass sie mindestens fünf Minuten ziehen; beachte die Packungsangaben. Für Eistee lässt du den abgeseihten Aufguss rasch abkühlen und stellst ihn in den Kühlschrank. So kannst du ihn anschließend auf Eis servieren.
Kann ich Hibiskus trinken, wenn ich Blutdruckmedikamente nehme?
Sprich vor dem regelmäßigen Trinken mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Hibiskus könnte die Wirkung blutdrucksenkender Medikamente verstärken. Wie stark das im Einzelfall ausfällt, ist nicht gut untersucht. Achte bei der Kombination auf ungewöhnlich niedrige Blutdruckwerte oder Schwindel und ändere deine Medikamente nicht eigenständig.
Was sollten Schwangere vor der Anwendung von Hibiskus wissen?
Für Schwangerschaft und Stillzeit fehlen verlässliche Sicherheitsdaten. Die ägyptische Arzneimittelbehörde empfiehlt die medizinische Anwendung deshalb nicht. Auch eine feste unbedenkliche Menge, etwa ein oder zwei Tassen pro Woche, lässt sich daraus nicht ableiten. Wenn du regelmäßig Hibiskustee trinkst oder Extrakte verwenden möchtest, besprich das mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Hebamme.
8 Belege.
- Diane L. McKay, C.-Y. Oliver Chen, Edward Saltzman, Jeffrey B. Blumberg. Hibiscus sabdariffa L. tea (tisane) lowers blood pressure in prehypertensive and mildly hypertensive adults. 2010. doi:10.3945/jn.109.115097
- Corina Serban, Amirhossein Sahebkar, Sorin Ursoniu, Florina Andrica, Maciej Banach. Effect of sour tea (Hibiscus sabdariffa L.) on arterial hypertension: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. 2015. doi:10.1097/HJH.0000000000000585
- Porjai Pattanittum, Chetta Ngamjarus, Fonthip Buttramee, Charoonsak Somboonporn. Roselle for hypertension in adults. 2021. doi:10.1002/14651858.CD007894.pub3
- Allison L. Hopkins, Marnie G. Lamm, Janet L. Funk, Cheryl Ritenbaugh. Hibiscus sabdariffa L. in the treatment of hypertension and hyperlipidemia: a comprehensive review of animal and human studies. 2013. doi:10.1016/j.fitote.2013.01.003
- J. A. Kolawole, A. Maduenyi. Effect of zobo drink (Hibiscus sabdariffa water extract) on the pharmacokinetics of acetaminophen in human volunteers. 2004. doi:10.1007/BF03190570
- Egyptian Drug Authority. Egyptian Herbal Monograph: Hibiscus sabdariffa L. (Karkade). 2023. Quelle
- EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA). Scientific opinion on health claims related to Hibiscus sabdariffa L. and improvement of diuretic function and bowel motor function. 2009. doi:10.2903/j.efsa.2009.1293
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Kräutertees unbedingt mit kochendem Wasser aufgießen!. 2005. Quelle
Rechtlicher Hinweis: Die Darstellung historischer Bedeutung und traditioneller Verwendung dient der Einordnung im Rahmen unseres Pflanzenlexikons. Sie ist keine gesundheitsbezogene Angabe für ein Produkt, kein Heilversprechen und kein Ersatz für medizinische Beratung. Welche Aussagen auf Produktetiketten, Produktseiten oder in Werbung zulässig sind, richtet sich nach den jeweils geltenden rechtlichen Vorgaben.