Goldrute
In Kürze
Zusammenfassung der Erkenntnisse zum schnellen Nachschlagen
Die Echte Goldrute hat in Europa eine lange Tradition als Wund- und Harnwegskraut. Ältere Anwendungen sind unter anderem durch Madaus’ Rückblick von 1938 überliefert, der mittelalterliche Zuschreibungen und Kräuterbücher des 16. und 17. Jahrhunderts zusammenfasst. Wie früh die Pflanze eindeutig medizinisch verwendet wurde, lässt sich daraus nicht sicher datieren. Bis heute wird Goldrutenkraut in der europäischen Pflanzenheilkunde zur unterstützenden Durchspülung der Harnwege eingesetzt.
Die klinische Studienlage ist deutlich schwächer als die lange Anwendungstradition. Fursenco und Kollegen beschreiben 2020 überwiegend Labor- und Tierversuche sowie wenige methodisch schwache Untersuchungen am Menschen. Untersucht wurden unter anderem die Harnmenge sowie antimikrobielle und entzündungsbezogene Effekte. Diese Befunde belegen weder eine verlässliche Behandlung von Harnwegsinfektionen noch einen erhöhten Harnfluss ohne Elektrolytverlust.
Die EMA führt Goldrutenkraut als traditionelles Arzneimittel zur Erhöhung der Harnmenge bei leichten Harnwegsbeschwerden. Dazu gehört eine angemessene Flüssigkeitszufuhr; zwei Liter zusätzlich zum Tee sind keine allgemeine Vorgabe. Bei einer Allergie gegen Goldrute oder andere Korbblütler und bei Erkrankungen, die eine geringere Trinkmenge erfordern, darf es nicht angewendet werden. Die Monografie betrifft Solidago virgaurea, nicht die eigenständigen Arten Solidago canadensis und Solidago gigantea.
Klinische Evidenz ↔ Historische BedeutungWir zeigen zwei getrennte Kategorien von Evidenz: klinische Evidenz aus modernen Studien und historische Bedeutung aus dokumentierter Heiltradition. Beide sind wertvoll, aber sie beantworten unterschiedliche Fragen.Mehr lesen
In jedem unserer Lexikoneinträge bewerten wir zwei unterschiedliche Kategorien von Evidenz: Die in Studien verwendete klinische Evidenz erfüllt einen engeren, aber für die wissenschaftliche Beweisführung wichtigen Maßstab. Gleichzeitig sind die hunderttausenden weltweit vorkommenden Pflanzenarten bis heute nur teilweise in modernen Studien erfasst und getestet worden.
Darüber hinaus erheben unsere Experten für jeden Eintrag einen umfassenden Überblick darüber, wo und seit wann eine Pflanze in verschiedenen Naturheilkundetraditionen zum Einsatz gekommen ist. Wenn eine Pflanze in zahlreichen Kulturen über viele Generationen hinweg als Heilpflanze verwendet wurde, sollte auch diese historische Bedeutung sichtbar werden.
Wir meinen: Ein wirklich aussagekräftiger Überblick entsteht erst, wenn beide Kategorien nebeneinander dargestellt werden. Was in welche Kategorie fällt, kommunizieren wir hier transparent.
Überblick
Die Echte Goldrute (Solidago virgaurea) ist eine ausdauernde Pflanze aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Ihre gelben Blütenkörbchen stehen in Trauben oder Rispen und blühen meist von Juli bis September. In der europäischen Pflanzenheilkunde werden die blühenden oberirdischen Teile, also Stängel, Blätter und Blüten, verwendet. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) beschreibt Goldrutenkraut als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Erhöhung der Harnmenge, unterstützend bei leichten Harnwegsbeschwerden.
Diese traditionelle Anwendung setzt eine angemessene Flüssigkeitszufuhr voraus. Die häufig als aquaretisch bezeichnete Wirkung ist beim Menschen jedoch nur unzureichend untersucht; ein erhöhter Harnfluss ohne nennenswerten Elektrolytverlust ist nicht gesichert. Goldrutenkraut enthält unter anderem Saponine, Flavonoide und das phenolische Glykosid Leiocarposid. Laborbefunde zu diesen Inhaltsstoffen erklären mögliche Wirkungen, belegen aber keine wirksame Behandlung von Harnwegsinfektionen.
Geschichte
Die Goldrute ist in der europäischen Heilkunde seit Langem als Wundkraut und bei Harnwegsbeschwerden überliefert. Gerhard Madaus berichtet 1938 von einer Arnaldus de Villanova zugeschriebenen Anwendung bei Blasenstein. Ein sicherer medizinischer Erstbeleg um 1300 lässt sich daraus allein nicht ableiten. Madaus verweist außerdem auf Lonicerus’ Kräuterbuch von 1564 und Bocks Ausgabe von 1565 als Quellen zur Wundanwendung. Eine Matthiolus-Ausgabe von 1626 beschreibt zusätzlich eine harntreibende Anwendung bei Steinleiden. Diese historischen Beschreibungen sind keine heutigen Wirksamkeitsnachweise.
In Österreich wächst die Echte Goldrute unter anderem an Waldrändern und auf Lichtungen. Das getrocknete Kraut wird als Arzneitee verwendet und ist auch Bestandteil von Blasen- und Nierenteemischungen. Die heutige europäische Monografie der EMA bezieht sich ausdrücklich auf Solidago virgaurea und ihre traditionelle Anwendung bei leichten Harnwegsbeschwerden. Auch die ESCOP-Monografie beschreibt die Durchspülung der Harnwege und die unterstützende Anwendung bei bakteriellen Harnwegsinfektionen; daraus folgt kein Ersatz für eine erforderliche medizinische Behandlung.
Wirkmechanismus
Als mögliche Wirkstoffe werden Saponine, Flavonoide wie Rutin und Quercetinderivate sowie Leiocarposid untersucht. In Tierversuchen beeinflussten einzelne Fraktionen oder Inhaltsstoffe die Harnmenge. Die Ergebnisse zur Ausscheidung von Natrium und Kalium waren jedoch widersprüchlich. Ein gesicherter Mechanismus, der beim Menschen mehr Harn ohne nennenswerten Elektrolytverlust erzeugt, lässt sich daraus nicht ableiten. Die EMA-Monografie legt einen solchen Mechanismus nicht fest.
Extrakte und einzelne Inhaltsstoffe der Goldrute zeigen in Laborversuchen antimikrobielle und entzündungsbezogene Effekte. Sie hängen von der Zubereitung und vom Versuchsmodell ab und lassen sich nicht unmittelbar auf einen Goldrutentee übertragen. Ob sie Beschwerden beim Menschen spürbar lindern, ist unzureichend belegt. Bei Verdacht auf einen Harnwegsinfekt ist eine medizinische Abklärung wichtig; eine erforderliche antibiotische Behandlung kann Goldrute nicht ersetzen.
Zur Goldrute gibt es zahlreiche präklinische Arbeiten, aber nur begrenzte klinische Daten. Die Forschung untersucht Inhaltsstoffe, mögliche harntreibende Wirkungen sowie antimikrobielle und entzündungsbezogene Effekte. Der EMA-Bewertungsbericht beschreibt offene, nicht randomisierte Untersuchungen mit erheblichen methodischen Lücken. Auch die Übersicht von Fursenco und Kollegen aus dem Jahr 2020 bewertet die vorhandenen Humanstudien als wenig aussagekräftig.
Die europäische Monografie stützt sich deshalb auf die langjährige traditionelle Anwendung. Sie beschreibt Goldrute als unterstützendes Mittel bei leichten Harnwegsbeschwerden, nicht als klinisch gesicherte Therapie einer Infektion. Auch die unterstützende Anwendung, die ESCOP bei bakteriellen Harnwegsinfektionen nennt, ersetzt keine erforderliche Behandlung. Für die Praxis bleiben die genaue Zubereitung, ausreichendes Trinken und die Beachtung der Gegenanzeigen entscheidend.
Wirksamkeit
| Ziel | Klasse | Note | Wirkung | Studien | Quellen |
|---|---|---|---|---|---|
| Durchspülungstherapie der Harnwege bei leichten HarnwegsbeschwerdenDie EMA beschreibt die Erhöhung der Harnmenge als traditionelle unterstützende Anwendung bei leichten Harnwegsbeschwerden. Das ist kein Nachweis einer verlässlich wirksamen Behandlung von Harnwegsinfektionen. Die klinischen Untersuchungen haben erhebliche methodische Grenzen.Erwachsene mit leichten Harnwegsbeschwerden und ausreichender Flüssigkeitszufuhr | TraditionellTraditioneller Gebrauch. Lange Anwendung in Volksmedizin oder offizieller EMA HMPC Monographie zur traditionellen Anwendung. | DEvidenzqualität D. Vorläufige Hinweise. Eine kleine Studie, ein Pilotbefund oder Labor- bzw. Tiermodell. Klinische Relevanz unklar. Dies ist eine Evidenzbewertung, kein Produktversprechen. | Traditionelle Anwendung | [1][2] | |
| Harntreibende WirkungEinzelne Inhaltsstoffe und Fraktionen beeinflussten die Harnmenge in Tiermodellen. Die Befunde zur Natrium- und Kaliumausscheidung widersprechen sich. Die wenigen Untersuchungen am Menschen reichen nicht aus, um eine elektrolytneutrale Wirkung zu bestätigen.Tiermodelle und begrenzte Untersuchungen am Menschen | TraditionellTraditioneller Gebrauch. Lange Anwendung in Volksmedizin oder offizieller EMA HMPC Monographie zur traditionellen Anwendung. | DEvidenzqualität D. Vorläufige Hinweise. Eine kleine Studie, ein Pilotbefund oder Labor- bzw. Tiermodell. Klinische Relevanz unklar. Dies ist eine Evidenzbewertung, kein Produktversprechen. | Traditionelle Anwendung | [2] | |
| Antimikrobielle Aktivität im LaborGoldrutenextrakte zeigen in Laborversuchen je nach Zubereitung und Erreger unterschiedliche, häufig geringe antimikrobielle Effekte. Eine klinisch wirksame Behandlung von Harnwegsinfektionen ist damit nicht nachgewiesen.In-vitro-Untersuchungen an Extrakten und Inhaltsstoffen | TraditionellTraditioneller Gebrauch. Lange Anwendung in Volksmedizin oder offizieller EMA HMPC Monographie zur traditionellen Anwendung. | DEvidenzqualität D. Vorläufige Hinweise. Eine kleine Studie, ein Pilotbefund oder Labor- bzw. Tiermodell. Klinische Relevanz unklar. Dies ist eine Evidenzbewertung, kein Produktversprechen. | Präklinische Hinweise | [2][3] | |
| Entzündungshemmende AktivitätGoldrutenextrakte und einzelne Inhaltsstoffe beeinflussen Entzündungsmarker in Labor- und Tiermodellen. Diese Befunde begründen weitere Forschung, belegen aber noch keine entzündungshemmende Wirkung beim Menschen.In-vitro- und Tiermodelle | TraditionellTraditioneller Gebrauch. Lange Anwendung in Volksmedizin oder offizieller EMA HMPC Monographie zur traditionellen Anwendung. | DEvidenzqualität D. Vorläufige Hinweise. Eine kleine Studie, ein Pilotbefund oder Labor- bzw. Tiermodell. Klinische Relevanz unklar. Dies ist eine Evidenzbewertung, kein Produktversprechen. | Präklinische Hinweise | [2][3] |
Anwendung
Formen und Zubereitung
Für einen Aufguss übergießt du zerkleinertes Goldrutenkraut mit kochendem Wasser und seihst es nach der auf der Packung angegebenen Ziehzeit ab. Die EMA nennt 3 bis 5 Gramm Kraut pro Aufguss; eine Grammangabe ist genauer als die Schätzung mit Teelöffeln. Der Tee schmeckt leicht bitter und aromatisch. Trinke über den Tag verteilt ausreichend, ohne eine medizinisch empfohlene Trinkmenge zu überschreiten. Goldrutenkraut ist außerdem in Tinkturen, festen Extraktpräparaten und fertigen Blasen- und Nierenteemischungen enthalten. Solche Mischungen können zum Beispiel Birkenblätter oder Schachtelhalmkraut enthalten. Zusammensetzung, Dosierung und Anwendungsdauer unterscheiden sich; richte dich nach den Angaben des jeweiligen Arzneimittels. Für alle Zubereitungen bleiben die Gegenanzeigen und eine angemessene Flüssigkeitszufuhr wichtig.
Dosierung
Für Erwachsene und Jugendliche ab zwölf Jahren nennt die EMA 3 bis 5 Gramm zerkleinertes Goldrutenkraut pro Aufguss, zwei- bis viermal täglich. Die traditionelle Anwendungsdauer beträgt zwei bis vier Wochen. Halten Beschwerden während der Anwendung an oder werden sie stärker, such ärztlichen Rat und warte nicht bis zum Ende dieses Zeitraums. Beachte bei einem Arzneitee auch die Packungsangaben. Bei Tinkturen und Extraktpräparaten gilt die Dosierung des jeweiligen Arzneimittels. Die Mengen lassen sich nicht von einem Produkt auf ein anderes übertragen, weil Konzentration und Herstellung variieren. Achte auf eine angemessene Flüssigkeitszufuhr; der Tee zählt dabei zur gesamten Trinkmenge. Wenn deine Trinkmenge medizinisch begrenzt ist, darfst du Goldrute nicht zur Durchspülung anwenden.
Sicherheit
Verwechslungen
Ähnliche Pflanzen und Verwechslungen
Kanadische Goldrute / Riesen-Goldrute
Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) und Riesen-Goldrute (Solidago gigantea) stammen aus Nordamerika und sind in Teilen Mitteleuropas invasiv. Sie werden oft höher als die Echte Goldrute und bilden meist breite, stark verzweigte Blütenrispen. Auch diese Arten werden medizinisch verwendet, sind aber eigenständige Arten. Die EMA-Monografie zu Solidago virgaurea gilt nicht für sie.
Häufige Fragen
Was bedeutet aquaretisch, und wie unterscheidet es sich von einem Diuretikum?
Aquarese bezeichnet die vermehrte Ausscheidung von Wasser ohne entsprechenden Elektrolytverlust. Diurese bedeutet allgemein eine erhöhte Harnausscheidung; viele harntreibende Arzneimittel verändern dabei auch die Salzausscheidung. Goldrute wird in der Pflanzenheilkunde häufig als aquaretisch bezeichnet. Für sie ist eine solche elektrolytschonende Wirkung beim Menschen aber nicht verlässlich nachgewiesen. Die EMA-Monografie beschreibt die traditionelle Erhöhung der Harnmenge und verwendet den Begriff aquaretisch nicht.
Wie viel soll ich bei der Anwendung von Goldrute trinken?
Achte auf eine angemessene Flüssigkeitszufuhr. Die EMA gibt keine pauschale zusätzliche Menge von zwei Litern vor; Goldrutentee zählt zur gesamten Trinkmenge. Was für dich angemessen ist, hängt unter anderem von Gesundheit und Flüssigkeitsbedarf ab. Wenn dir aus medizinischen Gründen eine geringere Trinkmenge empfohlen wurde, etwa bei einer schweren Herz- oder Nierenerkrankung, darfst du Goldrute nicht zur Durchspülung anwenden.
Ist die heimische Goldrute dasselbe wie die invasiven nordamerikanischen Arten?
Nein. Die Echte Goldrute heißt Solidago virgaurea; Kanadische Goldrute und Riesen-Goldrute heißen Solidago canadensis und Solidago gigantea. Die beiden nordamerikanischen Arten sind in Teilen Mitteleuropas invasiv und bilden häufig größere, breiter verzweigte Blütenstände. Auch sie haben medizinische Verwendungstraditionen, doch die EMA-Monografie dieses Eintrags betrifft ausschließlich Solidago virgaurea. Beim Sammeln reichen Höhe und Blütenstandsform allein nicht zur sicheren Bestimmung.
Wie lange kann ich Goldrutentee einnehmen?
Die EMA nennt für Goldrutenkraut eine traditionelle Anwendungsdauer von zwei bis vier Wochen. Das bedeutet nicht, dass du bei anhaltenden Beschwerden so lange warten sollst: Lass sie während der Anwendung ärztlich abklären, ebenso eine Verschlechterung. Bei Fieber, Schmerzen beim Wasserlassen, Krämpfen oder Blut im Harn brauchst du zeitnah medizinischen Rat. Für eine unbegrenzte tägliche Einnahme liefert die Monografie keine Grundlage.
3 Belege.
- European Medicines Agency, Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). Community herbal monograph on Solidago virgaurea L., herba. 2008. Quelle
- Cornelia Fursenco; Tatiana Calalb; Livia Uncu; Mihaela Dinu; Robert Ancuceanu. Solidago virgaurea L.: A Review of Its Ethnomedicinal Uses, Phytochemistry, and Pharmacological Activities. 2020. doi:10.3390/biom10121619
- Claudio Ferrante; Annalisa Chiavaroli; Paola Angelini; Roberto Venanzoni; Giancarlo Angeles Flores; Luigi Brunetti; Massimiliano Petrucci; Matteo Politi; Luigi Menghini; Sheila Leone; Lucia Recinella; Gokhan Zengin; Gunes Ak; Massimo Di Mascio; Francesco Bacchin; Giustino Orlando. Phenolic Content and Antimicrobial and Anti-Inflammatory Effects of Solidago virga-aurea, Phyllanthus niruri, Epilobium angustifolium, Peumus boldus, and Ononis spinosa Extracts. 2020. doi:10.3390/antibiotics9110783
Rechtlicher Hinweis: Die Darstellung historischer Bedeutung und traditioneller Verwendung dient der Einordnung im Rahmen unseres Pflanzenlexikons. Sie ist keine gesundheitsbezogene Angabe für ein Produkt, kein Heilversprechen und kein Ersatz für medizinische Beratung. Welche Aussagen auf Produktetiketten, Produktseiten oder in Werbung zulässig sind, richtet sich nach den jeweils geltenden rechtlichen Vorgaben.